
Brad wieder in Höchstform - Die letzen Jahre von Brad waren geprägt durch eine absolut verständliche Suche nach dem neuen Sound. Wenn man mit dem ersten Album so einen Meilenstein im zeitgemässen Jazz erreicht hat, fängt man nach ein paar Jahren wohl über eine Weiterentwicklung an nachzudenken. Mich hat er da nicht ganz abgeholt. Ich befürchtete sogar, er driftet weg von dem was ihn so einmalig macht. Bis dann Day Is Done kam. Dieses Album baut musikalisch auf der Art-of-the-trio-Reihe auf und geht dann einen Schritt weiter. Und diese Reihe ist etwas vom besten, das in den letzten zehn Jahren im modern Jazz auf den Markt kam. Die sanften aber dennoch pointierten Songanfänge, welche sich in ein ekstatisches Tonspiel aufwiegen um dann anschliessend wieder versöhnlich die Seele zu streicheln sind wieder da! Und das kann einfach nur Brad so vollkommen. Obwohl der immer wieder hervorgebrachte Vergleich mit Bill Evans nicht ganz so falsch ist, ist Brad doch ein typischer Musiker des 21. Jahrhunderts. Das sieht man nicht nur an seiner Songauswahl aus dem Rock- und Pop-Umfeld. Dieser Jazz hat die Sprache, den Groove und den Rock von zeitgemässer U-Musik, bleibt aber dem modern Jazz trotzdem treu. Am besten bemerkbar am Anschlag der Akkorde und an der Intonation des Drumsets durch Jeff Ballard. Einfach fantastisch wie das abgeht, Hühnerhaut inklusive! Hier ist wohl der Unterschied zu den ebenfalls fantastischen E.S.T. zu finden, die sich durch Soundverzerrungen und rockigen Akkordwechseln teilweise schon fast aus dem Jazzlager verabschieden. Ebenfalls vom feinsten sind die Aufnahme und die Abmischung. Obwohl typisch (amerikanisch) warm abgemischt, klingt das ganze extrem klar und räumlich. Ok, den Bassregler muss man sicher nicht aufdrehen, sofern man einen hat, aber das ist halt keine ECM- oder ACT-Produktion. Alles in allem meiner Meinung nach bisher das beste Album von einem der besten Jazztrios auf dem blauen Planeten!
Neue Besetzung, alte und neue stärken - Mehldau bleibt seinem Profil im zeitgenössischen Jazz, nämlich aufgrund seiner Sensibilität, Melancholie, Melodizität und nicht zuletzt starker Einflüsse aus der klassischen Musik der legitime Erbe von Musikern wie Bill Evans zu sein, treu. Eigenkompositionen wie Adaptionen von Standards wie Popsongs sind allesamt wieder echte Mehldaus. Der Besetzungswechsel ist allerdings deutlich zu merken. Nicht, weil das Zusammenspiel mit dem Neuzugang Ballard weniger harmonierend wäre als dasjenige mit Rossy, sondern weil Ballard in vielerlei Hinsicht ein deutlich dynamischerer und treibenderer Drummer ist als sein Vorgänger. Jeder, der die übrigen Mehldau-Platten kennt und sich allein den ersten Track auf der neuen Platte anhört, wird sofort bemerken, was darunter zu verstehen ist. Ich halte Ballard für eine große Bereicherung des Trios und habe Mehldau mit dieser Platte, die ich jedem, der für Jazz oder überhaupt gute und sensible Musik zu haben ist, ans Herz legen möchte, noch einmal neu entdeckt.
Nick Drake als Komponist - Nach seinem großartigen Livealbum Live in Tolyo legt Brad Mehladau noch eins in der klassischen Triobesetzung nach. Wieder vertieft sich Mehladu, neben den Eigenkompositionen, meditativ in Bearbeitungen von Klassikern ohne sich darin zu verlieren. Besonders der zu Lebzeiten kaum beachtete Nick Drake wird auch hier auf atemberaubende Weise neu interpretiert und erfährt als Komponist eine verdiente, späte Würdigung.
Leichtfüßig-tiefschürfender Traumtänzer - Brad Mehldau beweist mit diesem superben Album, dass er seinem Ruf, der beste zeitgenössische Jazzpianist zu sein, mehr als gerecht wird!Unglaublich ist die Symbiose aus scheinbar widersprüchlichen Attributen wie Nachdruck und Beschwingtheit, Tiefe und Leichtigkeit, Geistesschwere und Traumtänzerei.Bei keiner anderen Musik verfällt man so schnell in Trance und kann trotzdem so aufmerksam den Klangwelten folgen, die sich wie Hologramme vor dem geistigen Auge aufbauen, um sich anschließend wieder zu verflüchtigen und homöopathisch in der Seele auszubreiten. Ganz eins mit der Musik lässt man sich von den Klängen treiben wie ein Blatt im Fluss. Das verstehe ich unter Flow!Ich habe das Album im Rahmen eines Live-Konzerts in Wien genossen, und bin begeistert davon, wie nahtlos und congenial sich auch Jeff Ballard ins Trio einfügt.Herausragend!
Neue Besetzung, aber Weg geht weiter - Nach Brad Mehldaus Wechsel zu Nonesuch ist dies die erste dort erscheinende Trio-Aufnahme (der Erstlingswerk bei Nonesuch war das Live in Tokyo Solo Album). Neu an Bord ist der Drummer Jeff Ballard. Mehldau geht hier seinen in diversen Trio-Aufnahmen begonnenen Weg (meist als Art of the Trio bezeichnet) konsequent weiter. Er bewegt sich hier deutlich weg von der Romantik (man k�nnte fast sagen von der deutschen Romantik), die eine starke Komponente in vielen fr�heren Aufnahmen gebildet hat (Sehnsucht, Am Zauberberg, Elegiac Cycle etc.) und die ihn auch des �fteren zu philosophischen Essays inspiriert hat. Die 10 Tracks (bei iTunes gibt es zwei weitere Tracks zu kaufen) teilen sich in drei Kategorien: 1.) Pop/Rock 2.) Eigenkompositionen und 3.) Fremdkompositionen, meist �ltere Standards. In die erste Kategorie fallen Kompositionen von Radiohead, Nick Drake, den Beatles (gleich zwei Mal) und Paul Simon. Gekonnt werden hier die Originale als lose Vorlage verwendet und teilweise deutlich verfremdet: Der simple Pop-Song Martha, My Dear wird hier zu einem hochkomplexen Virtuosenst�ck f�r Klavier Solo, 50 Ways... wird (ganz anders als in der Live in Tokyo Version) zu einem komplexen Gewaltmarsch. Mein Favorit ist She s leaving home - hier wird der leicht sentimentale Beatles-Song zu einem sehr ernsthaften und gro� angelegten Trio-St�ck.In die zweite Kategorie fallen Artis und Turtle Town - ersteres modale Kantigkeit und zweites spassige Tanzmusik. Nichts Gr�belndes aus Mehldaus Feder? Das ist neu.Die dritte Kategorie bietet neben dem schlicht dargebotenen Alfie noch Granada (Chris Creek) und dem alten Klassiker No Moon At All. Letzteres begeistert in seinem lockeren R�ckblick auf die Zeiten eines Nat King Cole Trio. Das Ganz wird in einem recht trockenen Klangbild pr�sentiert (f�r meine Begriffe h�tte etwas meht F�lle nicht geschadet), es gehen aber keine Details unter. Fazit: Es ist sehr spannend mitzuerleben, wie Mehldau sich weiterentwickelt, neue Repertoire-Bereiche erkundet. Schon jetzt f�r mich ein Trio-Meilenstein.