
Breite Phalanx gefühlhafter Improvisationen - Wenn man zu Improvisationen auf die Bühne gehe, sagte Keith Jarrett einmal, dann fühle man sich nackt. Nackter als hier geht es wohl kaum. Bei diesen beiden ganz frühen Solo-Konzerten in Bremen und Lausanne schöpfte Jarrett 1973 aus einem großen Ideenreichtum. Eine breite Phalanx gefühlhafter Eindrücke findet in der vielseitigen Schönheit seiner Musik ein gültiges Äquivalent. Weite Spannungsbogen verweben sich bei ihm zu einer geradezu überwältigenden Dichte. Stimmungsvoll und ausdrucksstark entwickelt er eine reiche Klangpartie von Themen, Figuren und Farben - kraftvoll in ihren sturmhaften Steigerungen und ausgesprochen nuanciert in den feinen Linien.Neben Jan Garbarek und John Abercrombie gehört Keith Jarrett für mich zu den deutlich herausragenden Vertretern einer äußerst interessanten Sparte des Jazz. Seine Musik verliert nie etwas von der einzigartigen Faszination, die von ihr ausgeht. Wem der als The Köln Concert bekannt gewordene Mitschnitt vom Januar 1975 aus der Kölner Oper gefällt, wird von diesen zwei Jahre zuvor entstandenen Aufnahmen ganz sicher nicht enttäuscht sein. Die hier eingespielten Improvisationen stoßen dem Hörer die Tür auf zu einer ungeahnten Weite musikalischer Möglichkeiten.Die spürbare Ernsthaftigkeit, welche diese Aufführungen begleitet, lässt denkbar erscheinen, alle Anwesenden seien sich dem Heraufziehen einer neuen Ära des Jazz nur allzu bewusst. Tatsächlich war es aber wohl eher so, dass kaum jemand geahnt hat, was diese Einspielungen (neben der des Köln Concert) auslösen würden. Die Versuche anderer Künstler, an Keith Jarretts verdienten Erfolg anzuknüpfen, mussten selbstverständlich vor seinem feinsinnigen Spiel und seiner kraftvollen Virtuosität verblassen. Der große Beifall nach jedem Stück zeigt an, mit welcher Konzentration und innerer Beteiligung die Konzertbesucher dem Pianisten gefolgt sind.Auch nach mehr als dreißig Jahren liegt für mich ein eigenartiger Reiz darin, dem Künstler zuzuhören wie er ein Thema setzt, Töne gruppiert, eine Melodie-Linie anklingen lässt, sie verwirft oder entwickelt, lebhaft steigert, in der Abstraktion verliert, wieder aufgreift und weiterführt. Doch Keith Jarretts Improvisationen entziehen sich den Worten. Man muss ihm zuhören und ist dann überrascht von seiner Lebendigkeit. Niemand vor ihm hat so Piano gespielt. Darin liegt meiner Ansicht nach der Grund für seine anhaltende Beliebtheit.
Nach Köln die erste Wahl - 1973 spielte Keith Jarrett auf seiner Europa-Tournee 18 Solo-Klavierkonzerte, davon in Lausanne im März und in Bremen im Juli. Keith Jarrett hat offenbar immer dann seine pianistischen Sternstunden, wenn es ihm persönlich besonders schlecht geht. Beim Kölner Konzert schlief er wegen Übermüdung fast am Flügel ein. In Bremen plagten ihn massive Rückenschmerzen, so dass er nur unter Schmerzmitteln spielen konnte. Davon ist auf CD jedoch nichts zu hören. Bremen und Lausanne gehören zu den spielfreudigsten, jazzigsten Konzerten von Keith Jarrett. Es sprudelt nur so aus ihm heraus, so dass es eine wahre Freude ist, ihm zuzuhören. Ich mag besonderes die letzten 10-15 Minuten der einzelnen Sets, wenn Keith Jarrett einen wirklich unglaublichen Drive entwickelt, den er bis zum Schluss durchhält.Negativ zu vermerken ist das miserable Track-Listing, da die einzelnen Tracks nur bedingt direkt angespielt werden können. Bremen besteht aus zwei Sets und einer Zugabe (18/38/5 Min.). Lausanne besteht aus zwei Sets (29/35 Min.).
Emotionen und Raffinesse - Dieses Album ist typisch für diese Phase von Keith Jarrett. Allerdings fällt es auch aus dem Rahmen, denn meiner Meinung nach drückt es die Emotionen noch klarer und unverschnörkelter aus als irgendeins davor.